1974
Technische
Intelligenz und Klassenkampf
Sich permanent abwechselnde Zeitabschnitte von Krieg und Frieden, das
Absterben überlebter und das Entstehen neuer Kulturen, Perioden von
Revolution und Reaktion, Epochen von technischem Fortschritt und
ökonomischer Stagnation, das Dien Bien Phu eines General Giap oder den
Watergate-Skandal eines Richard Nixon registrieren wir in unserer
Erfahrungswelt als eine Art Tagesschau, einen Strudel zusammenhangloser
Ereignisse, als „normalen“ Werdegang menschlicher Weltgeschichte. Einen
universalgeschichtlichen Sinn, eine Gesetzmäßigkeit in diesem
scheinbaren Chaos zu finden, war Triebfeder zahlreicher,
naturreligiöser, theologischer, philosophischer und
sozialwissenschaftlicher Theorien, Dogmen und Ideologien der letzten
fünf Jahrtausende.
Erst Mitte des 19. Jahrhunderts vermochte das menschliche Bewußtsein
durch den Marxismus den Ariadnefaden im Labyrinth der menschlichen
Geschichte zu entdecken: eine Reflexion der damaligen Entfesselung von
ungeheuerlichen Produktivkräften im gesellschaftlichen Sein. Im Zentrum
der Marxschen Lehre steht die Theorie des Klassenkampfes, die Theorie
der proletarischen Revolution, eine historisch-dialektische Methode der
Emanzipation der menschlichen Gesellschaft in ihrer Totalität, eine
subjektiv wie objektiv reale Möglichkeit, Kongruenz von
gesellschaftlichem Bewußtsein und Sein, von Theorie und Praxis,
herzustellen. Der Geschichtsprozeß läuft seither nicht mehr blind ab.
Es ist die soziohistorische Aufgabe aller vorwärtsschreitenden
Menschen, die Gegenwart als von tätigen Menschen progressiv zu
gestaltende Geschichte begreifen zu lernen. Der archimedische Punkt
lautet: Erkenntnis und Wissen nicht ausschließlich auf Vergangenes,
sondern essentiell auf Heraufkommendes zu beziehen. Eine Analyse der
objektiven Klassenlage bzw. der subjektiven Bewußtseinsformen einer
sozialen Gruppe wie der technischen Intelligenz hat daher nur dann
einen praktischen Sinn, wenn sie sich am gesamtgesellschaftlichen
Fortschritt orientiert. ... "
"Soziale
Revolutionen lassen sich nicht ausschließlich aus dem objektiven
materiellen
Produktionsprozeß bzw. durch Krisentheorien ableiten, sie werden von
bewußten
produktiven Menschen gemacht. Der Wille zur sozialen Veränderung
resultiert
nicht aus schon festgefahrenen Produktionsverhältnissen, sondern er ist
ein
historisch dialektisches Phänomen, das magnetnadelhaft auf die
Lebensbedingungen reagiert. Es ist sehr schwer einzusehen, wie die
'neue
Arbeiterklasse' z. B. die Rolle der Vietminh bzw. der Vietkong, die
mehr als 20
Jahre die 'Avantgarde par excellence' der sozialistischen Bewegung in
der 'Dritten Welt' war, übernehmen soll! Noch problematischer ist die
Fragestellung: Wie sollen die Techniker und Ingenieure, die eine
bürgerliche
Sozialisation, Erziehung und Ideologie verinnerlicht haben, ohne
Gesellschaftstheorie oder revolutionäre Partei 'revolutionär' bzw.
'sozialistisch' werden?"
Aus: Technische Intelligenz und Klassenkampf,
Einführung für Studenten,
Angestellte, Facharbeiter und Ingenieure,
Reihe Fischer, F 47, S. Fischer
Verlag, Frankfurt am Main, 1974.
Neuveröffentlicht unter URL:
http://www.geocities.com/maymartin2001/cover01.html
http://www.geocities.com/maymartin2001/inhalt.html
DAS ENTSTELLTE AFRIKABILD IN
EUROPA
DEUTSCH
April 1976
"Freunde und Genossen, meine Damen und Herren!
Noch vor wenigen Jahren war Afrika für die überwältigende
Mehrheit der bundesdeutschen Bürger, der geheimnisvolle,
mystische, schwarze Kontinent, von dem man nur aus
phantastischen Berichten wagemutiger Abenteurer und
Großwildjäger erfuhr. Nach Karl May und Tarzan sind es jetzt
die farbigen Reiseprospekte von Neckermann oder
Touropa-Scharnow, die über Kenia, Uganda, Tansania, Sambia,
Namibia oder Südafrika berichten. Die Küste Tansanias ersetzt
langsam die Costa Brava, Sansibar wird anstelle von Helgoland
gesetzt, statt zum Montblanc fährt man zum Kilimandscharo.
Jedoch, während deutsche oder westeuropäische Ingenieure
den Cabora Bassa- oder Kunene-Staudamm errichteten und
Großwildjäger und Touristen sich für das Erinnerungsalbum in
Pose stellten, wurden sie von den Befreiungsbewegungen, der
FRELIMO in Mozambique oder MPLA in Angola, der ZANU in
Zimbabwe oder der SWAPO in Namibia angegriffen.
Westdeutsche Auswanderer, Entwicklungshelfer oder
Safarireisende werden in interrationale politische Konflikte
verwickelt, gekidnappt oder erschossen, was ihnen
normalerweise - sollten sie überleben - unverständlich bleibt.
Wir hatten gerade in Entebbe so eine Entführung, und der
'normale' Bundesbürger weiß nicht so richtig, worum es da
eigentlich geht!
Woher rührt diese chronische Ignoranz in der BRD? Warum läßt
das Soweto?Massaker von etwa 200 Menschen, die getötet
worden sind und über 1000 Menschen, die verwundet sind und
5000, die verhaftet sind, warum läßt dieses Massaker die
bundesrepublikanischen Bürger eiskalt?... "
Das arrogante Europa-Bild
"Für Millionen Westeuropäer ist Europa noch stets das Zentrum
des Universums, hier weilt das Subjekt, der Geist, die Vernunft
der Geschichte.
Es ist zivilisiert, kultiviert, christlich, hochentwickelt, weiß,
superintelligent, kurzum: allmächtiger Generator des
internationalen Fortschritts. Die 'Neger' Afrikas besitzen keine
Kultur und Zivilisation - sind im großen und ganzen gar nicht
dazu fähig, schwingen sich noch von Baum zu Baum à la Tarzan,
dem englischen Lord. Sie sind zwar arm, fröhlich, kindlich
sportlich und potent, im Grunde genommen aber doch dumm,
technisch unbegabt und vor allem stinkfaul.
Als Objekte der Geschichte, die erst entdeckt werden mußten,
dann befriedet und christianisiert wurden, werden die Europäer
ihnen helfen, geschichtsfähig und menschlich zu werden;
deshalb auch Entwicklungshilfe.
Dieses Afrikabild, das sich in den deutschen
Kolonialwissenschaften und z.T. heute noch in
Geschichtsbüchern widerspiegelt, ist zwar etwas übertrieben,
es enthüllt jedoch die Neger-Chimäre Europas. Um dieses
Phänomen des latenten und tendenziellen Rassismus im
Kapitalismus - und nicht nur im südafrikanischen ? historisch zu
begründen, werden wir einen flüchtigen Rückblick in die dunkle
Vergangenheit des afrikanischen Kontinents werfen."
Aus einer Broschüre des
Auslandsreferats des AstA der TU
Hannover, im Oktober 1976.
DAS SÜDLICHE AFRIKA AUF DEM WEG
ZUR BEFREIUNG
(Revidierter und ergänzter
Vortrag, der zwischen April und Juli
1976 an 25 Universitäten,
Hochschulen und Fachhochschulen in
der BRD gehalten wurde.)
Neuveröffentlicht:
http://www.geocities.com/juschmi/dsaadwzb.html#_Toc531979676
DEUTSCH
Juni 1977
KRISE
IN SÜDAFRIKA
Dr. Lee’s Vortrag vom 22. Feb. 1977
in Zürich, Schweiz
"Meine Damen und Herren, liebe Freunde, Genossinnen und
Genossen,
ich bin jetzt schon zehn Tage in ihrem wunderschönen Land, ich
träume nur noch vom azurblauen Himmel, von Alpen, Seen,
Frommage, Fondue usw. In Zürich ist es auch sehr schön und
heute abend sitzen wir schön gesellig hier beisammen.
Wovon ich aber sprechen werde, ist gar nicht so friedlich, ist gar
nicht lustig, ist möglicherweise eines der makabersten Kapitel
der Geschichte der Menschheit. Ich werde versuchen, meinen
Vortrag anhand von sieben Punkten darzustellen. Ich hoffe, daß
sie alle geduldig zuhören werden.
KOLONIALISMUS UND RASSISMUS
Das Thema 'Südafrika' ist eine ungeheuerliche Problematik,
wenn es sein müßte, könnte ich über sechs Stunden darüber
reden ‑ eine typische Castro‑Rede. Ich werde jedoch
versuchen, die wesentlichsten Fragestellungen herauszuheben.
Die ersten drei Punkte werden sich hauptsächlich mit
Problemen befassen, die uns alle etwas angehen, die scheinbar
nichts direkt mit Südafrika zu tun haben. Aber in Wirklichkeit
werde ich ständig vom Schmelztiegel Südafrika sprechen. Ich
werde erstens die Frage stellen: Was geht uns Südafrika in
Westeuropa an? Zweitens anhand der Problematik
Entwicklung/Unterentwicklung zeigen, was Südafrika uns
historisch angeht. Drittens das Phänomen des Rassismus
historisch entfalten und genauer zeigen, wie wir letzten Endes
tief in unserer Seele, sei es uns bewußt oder unbewußt diesen
Rassismus pflegen. Sogar die Opfer des Rassismus tragen
dieses Gift in sich. Ich werde versuchen, dies zu begründen.
Viertens werde ich die Geschichte der Kolonisierung Südafrikas
darstellen, die Geschichte der Unterentwicklung, die Genese
der strukturellen Gewalt in Südafrika. Dann werde ich fünftens
anhand von einigen Beispielen die strukturelle Gewalt heute
schildern. Dann sechstens kurz die Geschichte der
Befreiungsbewegung, worauf ich aus Zeitgründen nicht so
detailliert werde eintreten können. Aus den bisherigen
Erfahrungen in der Schweiz weiß ich jedoch, daß später
zahlreiche Fragen diesbezüglich kommen werden. Und am
Schluß natürlich die Frage der internationalen Solidarität."
RELIDION, RASSISMUS UND FASCHISMUS
Was haben sie mitgenommen? Es gibt ein Sprichwort in
Südafrika: „die Boer met sy Bybel en sy Roer:“ ‑ der Bure, seine
Bibel und seine Flinte; im sinne des alten Testaments wollten
sie nun die südafrikanische Gesellschaft gestalten. Erst eine Art
von feudalistischer Sklavenhaltergesellschaft einführen ‑ das
haben sie gemacht ‑ die Geschichte sozusagen zurückgedreht
bis vor der Geburt Christi. In der Bibel steht: Es gibt jüdische
und nichtjüdische Völker Diese nichtjüdischen Völker, das sind
die Schwarzen; die Juden sind „das auserwählte Volk Gottes“,
denn sie müssen sozusagen Gott zu diesen barbarischen
Völkern „bringen“. Und wer von des: nichtjüdischen Völkern
war, die Schwarzen letzten Endes, sie sollen „nur“ Holzhacker
und 4 Träger von Wasser sein.
Später natürlich wurden auch die sog. Hottentotten, in
Wirklichkeit „Khoikhoin“, christianisiert, versklavt, als
Haussklaven angestellt, und da die Holländer ihre Frauen nicht
mitgenommen haben, fingen sie sogar an, diese Wilden zu
heiraten. ... "
KINDERMORD
IN APARTHEID SÜDAFRIKA
"Der Apartheidlöwe ist tödlich verwundet und in Todesagonie
zeigt er seine immense Brutalität: das grauenhafte
Soweto‑Massaker. Plötzlich fanden wir Kinder ‑ 9 bis 15 Jahre
alt ‑, Kinder an der Front der Revolution. Vorher gab es das nie.
Zumindest wurde bis dahin noch nicht Feuer gegen
revoltierende Kinder eröffnet. Folgendes dokumentiert das Ende
der Apartheid ‑ dem Anfang einer neuen revolutionären Epoche
im südlichen Afrika: daß über 2000 Kinder bis jetzt erschossen
wurden, weil sie revolutionäre Arbeit ausführen, die sonst
Erwachsene ausführen müssen, 200 Kinder brutal von Polizisten
erschossen, etwa 3000 bis 4000 in den Gefängnissen
dahinvegetierend, Hunderte von Kindern flüchten in alle
Himmelsrichtungen aus Südafrika in Richtung Lesotho,
Swasiland, Botswana usw., gejagt von der südafrikanischen
Gestapo durch die Wüste, Kinder, die noch nicht einmal
begriffen haben, was sich international abspielt. All dies zeigt,
daß die gesamte revolutionäre Basis in Südafrika, Führung und
Masse eins, Kinder, Männer und Frauen vereint sich auf dem
Marsch in Richtung Sozialismus befindet ‑ nichts kann sie mehr
zurückhalten.
Und wir sitzen in der Schweiz, wie ich gesagt habe, wir sitzen
noch so ruhig hier. Ich hätte gerne gewußt, was passiert wäre,
wenn das 2000 weiße Kinder gewesen wären. Da sehen wir
auch, was Rassismus ist. Mit der Kinderermordung in Südafrika
möchte ich schließen, und ich behaupte, alle die
multinationalen Konzerne. auch die hier, sind an diesem Mord
beteiligt. Können wir noch länger so ruhig sitzen und schlafen?
Meine Damen und Herren, Genossinnen und Genossen, ich
danke euch."
BEMERKUNG DER VERANSTALTER:
Redeverbot in der Schweiz gegen Dr. F. J .T. Lee
"Den Vortrag von Dr. Franz J. T. Lee, der den Kern dieser
Broschüre bildet, nahm die Fremdenpolizei des Kanton Zürich
zum Anlaß, um dem Genossen Lee für die Zukunft ein
Redeverbot zu erteilen. Interessant ist die Begründung: nicht
etwa 'Beleidigung von fremden Staatsoberhäuptern', sondern
die 'Einmischung in innere Angelegenheiten der Schweiz' wird
ihm vorgeworfen. Wir überlassen es dem Leser, die Absurdität
dieses Vorwandes selber zu beurteilen. Für uns kann es nur eine
Erklärung geben, und diese bestätigt eigentlich nur unsere
These vom internationalen Charakter des Kapitals: zur inneren
Angelegenheit werden erklärt der Sklavenhandel des 17. Jh., die
Vertreibung und Proletarisierung der einheimischen Bevölkerung
im südlichen Afrika, das System der Rassentrennung und der
Wanderarbeiter, die Überausbeutung der schwarzen und
farbigen Arbeiter und schließlich die Ermordung von über 2000
Menschen, die gegen all dies protestieren wollten. Bis jetzt
hatten die Schweizer Behörden noch nie so offen geredet. Daß
sie es jetzt tun, wenn auch nur in einem „kantonalen
Ausrutscher“, sollte weder Anlaß sein zur Entrüstung noch zu
Frohlocken, sondern zur Solidarität aller linken Kräfte mit den
afrikanischen Freiheitskämpfern."
KRISE IN SÜDAFRIKA, Dr. Lee’s
Vortrag vom 22. Feb. 1977 in
Zürich, Schweiz.
(Veröffentlicht in einer
Broschüre der Revolutionären
Marxistischen Liga (RML) im
Veritas-Verlag im Juni 1977)
Neuveröffentlicht: http://www.geocities.com/juschmi/kis.html